Integration - hier funktioniert´s
Die preisgekrönte GAG-Siedlung an der Liebigstraße in Neuehrenfeld belegt, dass eine gute Stadtarchitektur das beste Mittel gegen den Zerfall einer Stadt in Arm und Reich ist. Hier pflegen Bewohner unterschiedlichster Herkunft eine lebendige Nachbarschaft.
Ehrenfeld - Der Einzug war wie ein Befreiungsschlag. Die Altbauwohnung zu klein für vier Personen, die Umgebung zu kinderfeindlich, größere Wohnungen mit Balkon oder Garten in der Umgebung unbezahlbar - es dauert etwas, bis man nachgibt und sich auf einen Neubau einlässt, wenn man ein Fan hoher Stuckdecken ist. So etwas gibt es hier nicht. Kein Schnickschnack; nichts, was beim Bau zu teuer hätte werden können.
Dafür gibt es ganz anderen, bislang nicht gekannten Komfort: ein Leben mit offener Haus- und Gartentür macht Kinder und Eltern glücklich, weil es nicht nur viele neue Kontakte beschert, sondern ganz neue Freiheiten mit weniger Stress eröffnet. Die Kinder spielen auf dem autofreien Hof und im neuen Park an der alten, nun gesperrten Herkulesstraße, treffen sich bei Freunden oder auf dem erstrittenen Bolzplatz.
Eine alte Backsteinmauer erinnert an das, was hier mal war: Die GAG-Tochter Grubo hat einen Teil des ehemaligen Schlachthof-Geländes an der Liebigstraße bebaut. „Meine Straße“ ist die Neuehrenfelder „Hans-Wild-Straße“, die als Ersatz für die gesperrte Herkulesstraße angelegt worden ist. „Meine Straße“, benannt nach dem ersten Vorsitzenden des Ehrenfelder Bürgervereins nach dem Krieg, besteht aus einem einzigen großen Wohnblock, gebaut um vier verkehrsfreie Innenhöfe unter einem „leichten fliegenden Dach“, wie es der Kölner Architekt Ulrich Coersmeier ausdrückt.
Ein „Un-Ort“ zwischen A 57, Bahndamm und stinkendem Schlachthof sei das hier gewesen. Nun wohnen auf den 18 000 Quadratmetern rund 450 Menschen in 183 Wohnungen und sechs Reihenhäusern. Die GAG vermietet 140 Wohnungen, deren Bau öffentlich gefördert wurde, die weiteren Wohnungen wie die Häuser wurden an Eigentümer verkauft - eine bunte Mischung ist entstanden, Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten mit unterschiedlicher Herkunft wohnen zusammen in einem innerstädtischen Viertel. Coermeiers Entwurf und die Umsetzung wurde 2004 mit dem deutschen Bauherrenpreis ausgezeichnet.
Geht es nach den Ergebnissen politischer Wahlen, ist das Areal eine grüne Hochburg. Aber das liegt auch daran, dass die meisten hier nicht wählen gehen - weil sie nicht wollen oder weil sie wegen eines ausländischen Passes nicht dürfen. Hier wohnt der aus der Türkei stammende langjährige Ford-Betriebsrat mit dem T-Shirt „Stolz, ne Kölsche ze sinn“ neben dem iranischen Akademiker, der in Deutschland am Fließband steht, weil seine Abschlüsse hier nicht anerkannt werden. Die zum Islam konvertierte Deutsche mit Kopftuch trifft auf die grell geschminkte Tochter der Mutter aus Aserbaidschan, die samstags mit anderen Gymnasiasten in die Disco zieht. Die Kinder von Beamten, Sozialarbeitern oder Journalisten spielen mit Flüchtlingskindern.
Nicht alles funktioniert, nicht alles macht Spaß wie das leidige Müllproblem, und längst nicht jeder macht mit bei der gelebten Nachbarschaft. Dem werden dann an Halloween Dutzende Eier an Fenster und Hauswand geworfen. Man bekommt einiges mit, das anderen Familien in bürgerlichen Einfamilienhaus-Ghettos erspart bleibt - wie die Geschichte vom Mann, der schreiend die Möbel der Wohnung seiner Frau zerlegt. Er sucht nach Drogen, die er verkaufen muss, bevor die für den nächsten Tag angekündigten Geldeintreiber auf der Matte stehen. Nachbarn holen das verstörte Kind aus der Wohnung, um ihm diese Szenen zu ersparen.
Oder das Drama um das russisch-stämmige Ehepaar: Als sich die Frau von ihrem Mann trennen will, rammt dieser ihr ein Messer in den Bauch. Sie findet Schutz bei der Marokkanerin einen Stock tiefer. Die hat immer einen Baseballschläger hinter der Tür stehen und hält den Mann in Schach, bis die Polizei kommt. Das sind zwei Gewalteskalationen aus den letzten acht Jahren, die keiner braucht. Aber sie belegen, dass die Nachbarschaft auch in solchen Fällen funktioniert.
Coersmeiers Architektur, die dunkle Ecken und Flure weitgehend vermeidet, durch Glas und Licht Transparenz und Miteinander befördert, ist ein Beleg dafür, dass das beste Mittel gegen den Zerfall einer Stadt in Arm und Reich eine gute Stadtarchitektur ist. Sie schafft Zusammenhalt - nicht nur, wenn bei Welt- oder Europameisterschaften gemeinsam Fußball geguckt wird. Den knappen Halbfinalsieg der deutschen Nationalmannschaft gegen die Türkei beim EM-Turnier 2008 schaute die multikulturelle Nachbarschaft gemeinsam im Innenhof - selbst gemachtes Public Viewing mit Beamer, Gartenstühlen, Baklava und Kölsch.
Zusammenhalt zeigt sich auch, wenn es darum geht, bei der Suche nach neuen Jobs zu helfen, einen günstigen Autokauf zu vermitteln, Blumen in Gemeinschaftsbeete zu pflanzen oder beim Aufhängen neuer Küchenschränke zu helfen. Nicht ganz so einfach wie in diesen Fällen ist die interkulturelle Begegnung bei etwas anspruchsvolleren Angeboten. So trifft sich in zwei Nachbarwohnungen regelmäßig unter dem Titel „Wohnzimmergedanken“ der „Erste Neuehrenfelder Salon für Erbauung, Austausch und Spaß“ mit wechselnden Referenten, um über philosophische und politische Fragen zu diskutieren. Hier bleibt das deutsche Bürgertum trotz breit gestreuter Einladungen dann doch weitgehend unter sich.
In dem Viertel lässt sich auch besichtigen, dass die These vom Zusammenhang zwischen Bildungsferne und politischer Lethargie nicht stimmen muss, wenn Architektur und soziale Mischung der Vereinzelung entgegenwirken. Als auf der Liebigstraße ein Junge auf dem Weg vom Kiosk nach Hause von einem Auto angefahren wird, sammeln Mieterinnen der Sozialwohnungen Unterschriften für einen sicheren Überweg. Die Stadt hat inzwischen reagiert.
Die Nähe befördert Begegnungen, die in anderen Teilen der Stadt undenkbar sind: So erkundigen sich zwei Jungs, die das deutsche Schulsystem auf die Förderschule aussortiert hat - einen von ihnen schon im ersten Schuljahr - wie man denn wohl den Weg von der „Sonderschule“ zum Abitur schaffen könnte. Die Antwort wird für die Befragten zur echten Herausforderung. Da fällt es deutlich leichter, dem ein oder anderen Nachbarskind bei der Suche nach einem Praktikumsplatz zu helfen. ...
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